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Blue Ocean Strategy: Wie KMU unbestrittene Markträume erschließen

9 Min. Lesezeit
Kurze Antwort

Blue Ocean Strategy bedeutet, durch Wertinnovation neue Nachfrage zu schaffen statt um bestehende Kunden zu kämpfen – umsetzbar auch für den Mittelstand.

Wettbewerb irrelevant machen ist profitabler als Wettbewerb gewinnen – das ist die Kernbotschaft der Blue Ocean Strategy.

Was ist die Blue Ocean Strategy?

Die Blue Ocean Strategy wurde von W. Chan Kim und Renée Mauborgne entwickelt und 2004 als Buch veröffentlicht – eines der meistzitierten Strategiebücher der letzten Jahrzehnte. Die zentrale These: Unternehmen verbringen zu viel Energie damit, in gesättigten Märkten um vorhandene Kunden zu kämpfen (roter Ozean), anstatt neue Markträume zu schaffen, in denen Konkurrenz zunächst keine Rolle spielt (blauer Ozean).

Im roten Ozean sind Branchenregeln bekannt und akzeptiert. Alle Anbieter kämpfen um dieselben Kunden mit ähnlichen Angeboten – der Preiswettbewerb verschärft sich, Margen sinken, Differenzierung wird schwieriger. Im blauen Ozean definiert ein Unternehmen die Spielregeln neu: Es richtet sich an bisher nicht bediente Kunden oder schafft ein Angebot, das existierende Kategorien sprengt und neue Nachfrage erzeugt.

Das Entscheidende: Blue Ocean ist keine Nischenstrategie für kleine Anbieter. Ob Cirque du Soleil, der den Zirkus neu erfand, Nintendo Wii, das Nicht-Gamer zu Spielern machte, oder Yellow Tail, das australische Wein für Biertrinker attraktiv machte – die Strategie funktioniert branchenübergreifend und auch für den Mittelstand.

Das ERRC-Grid: Das praktische Werkzeug der Blue Ocean Strategy

Das ERRC-Grid (Eliminate-Reduce-Raise-Create) ist das zentrale Analyse- und Planungswerkzeug der Blue Ocean Strategy. Es zwingt Unternehmen, ihre eigenen Angebotsdimensionen kritisch zu hinterfragen, anstatt einfach zu versuchen, in allen Bereichen besser als die Konkurrenz zu sein.

Eliminieren: Welche Faktoren, die die Branche als selbstverständlich ansieht, können ersatzlos gestrichen werden? Cirque du Soleil eliminierte Tiere aus dem Zirkus – und damit einen Kostenfaktor und eine ethische Belastung, auf die das neue Kernpublikum keinen Wert legte. Für ein KMU könnte das die Streichung eines Serviceangebots sein, das hohe Kosten erzeugt, aber kaum Kundenwert bringt.

Reduzieren: Welche Faktoren können deutlich unter den Branchenstandard gesenkt werden? Yellow Tail reduzierte die Weinauswahl radikal und verzichtete auf Fachvokabular und Jahrgangsangaben – das senkte Komplexität und Kosten, machte aber Wein für eine völlig neue Zielgruppe zugänglich.

Erhöhen: Welche Faktoren sollten deutlich über den Branchenstandard angehoben werden? Hier geht es um echte Differenzierung in Bereichen, die der Zielgruppe wichtig sind – nicht um marginale Verbesserungen überall.

Hinzufügen: Welche Faktoren, die die Branche noch nie angeboten hat, sollten neu eingeführt werden? Das ist der kreativste und schwierigste Teil – und oft die Quelle der stärksten Wettbewerbsvorteile. Cirque du Soleil fügte künstlerisches Theater zum Zirkus hinzu und sprach damit ein völlig neues Publikum an.

Klassische Blue-Ocean-Moves – was KMU davon lernen können

  • Cirque du Soleil: Zirkus ohne Tiere, mit Theater und Hochkultur-Appeal – neue Zielgruppe, Premium-Preise
  • Nintendo Wii: Einfache Steuerung statt Highend-Grafik – machte Gaming massentauglich für Familien und Senioren
  • Yellow Tail Wine: Kein Fachjargon, breite Palette, zugänglicher Preis – brachte Weinkonsum in Biertrinker-Zielgruppen
  • Uber: Eliminierte Taxistandplätze, fügte Echtzeit-Tracking und bargeldlose Zahlung hinzu – neue Mobilitätskategorie
  • iTunes: Schuf legalen Einzeltitelkauf und eliminierte damit den Zwang zum Albumkauf – neue Erlösstruktur

ERRC-Grid für ein KMU – Schritt-für-Schritt-Vorgehen

  1. Schritt 1: Strategy Canvas erstellen

    Zeichnen Sie ein Koordinatensystem: X-Achse zeigt die wichtigsten Wettbewerbsfaktoren Ihrer Branche, Y-Achse zeigt den Ausprägungsgrad von niedrig bis hoch. Tragen Sie Ihr eigenes Unternehmen und die wichtigsten Wettbewerber ein. Wenn Ihre Kurve der Konkurrenz ähnelt, sind Sie im roten Ozean.

  2. Schritt 2: Nicht-Kunden identifizieren

    Wer kauft Ihr Produkt nicht – und warum? Blue Ocean entsteht oft, wenn man diese drei Gruppen analysiert: Kunden, die Ihr Angebot noch nicht kennen; Kunden, die es kennen aber ablehnen; und Kunden, die grundsätzlich andere Alternativen wählen. Dort liegt der neue Marktraum.

  3. Schritt 3: ERRC-Grid ausfüllen

    Bringen Sie Ihr Team (und möglichst externe Perspektiven) zusammen und füllen Sie alle vier Felder des Grids: Was eliminieren, was reduzieren, was erhöhen, was neu hinzufügen? Keine Antwort ist zu radikal – in diesem Schritt geht es um kreative Breite.

  4. Schritt 4: Wertinnovation formulieren

    Prüfen Sie, ob Ihre Kombination aus ERRC gleichzeitig Kosten senkt und den Kundennutzen steigert. Nur wenn beides zutrifft, sprechen Kim & Mauborgne von echter Wertinnovation. Maßnahmen, die nur eines von beidem erreichen, sind konventionelle Strategie.

  5. Schritt 5: Pilot statt Komplettumbau

    Testen Sie Ihren Blue-Ocean-Move in einem klar abgegrenzten Marktsegment oder einer Produktlinie, bevor Sie das gesamte Geschäftsmodell umbauen. So reduzieren Sie das Risiko und gewinnen Daten für die Skalierung.

Häufige Fehler bei der Anwendung

Viele Unternehmen wenden das ERRC-Grid oberflächlich an: Sie reduzieren marginal und erhöhen an anderer Stelle – ohne echte Wertinnovation. Blue Ocean erfordert Mut zur Radikalität. Wer nur an den Rändern optimiert, bleibt im roten Ozean, verschwendet aber Analyse-Energie.

Grenzen der Blue Ocean Strategy und Verbindung zu weiteren Ansätzen

Die Blue Ocean Strategy ist ein mächtiges Denkrahmen, aber keine Universallösung. Eine der häufigsten Kritiken: Was heute ein blauer Ozean ist, wird morgen rot – Wettbewerber imitieren erfolgreiche Moves, und der First-Mover-Vorteil schwindet. Kim & Mauborgne adressieren das mit dem Konzept der "Nondisruptive Creation", beschreiben aber keine wasserdichte Dauerlösung.

Für KMU ist es deshalb sinnvoll, Blue Ocean Strategy mit ergänzenden Ansätzen zu verbinden: Jobs to be Done (Clayton Christensen) hilft dabei, die eigentlichen Kundenbedürfnisse zu verstehen, die eine neue Kategorie erst möglich machen. Business Model Canvas ergänzt die strategische Ebene um die operative Umsetzung. Und Lean-Startup-Methoden reduzieren das Risiko der Umsetzung durch iterative Tests.

Entscheidend für KMU ist auch die Frage der Ressourcen: Blue Ocean erfordert kein riesiges Budget, aber es erfordert Führungskraft, die bereit ist, etablierte Annahmen zu verwerfen. Die größte Hürde ist meist nicht die Analyse, sondern die Überzeugung interner Stakeholder – Mitarbeitende, Gesellschafter, Banken –, dass der neue Weg sinnvoll ist.

Tipp für den Mittelstand

Blue Ocean funktioniert am besten in gesättigten Nischenmärkten mit wenigen, aber starren Wettbewerbern. Wenn alle in Ihrer Branche dieselben Leistungen auf dieselbe Weise anbieten, ist das ein starkes Signal: Hier wartet ein blauer Ozean auf jemanden, der die Regeln neu denkt.

Das Wichtigste auf einen Blick

Zusammenfassung
  • Blue Ocean Strategy zielt darauf ab, neue Nachfrage zu schaffen statt um bestehende Kunden zu konkurrieren
  • Das ERRC-Grid (Eliminieren, Reduzieren, Erhöhen, Hinzufügen) ist das zentrale Werkzeug zur Entwicklung echter Wertinnovation
  • Klassische Beispiele wie Cirque du Soleil, Nintendo Wii und Yellow Tail zeigen das Prinzip branchenübergreifend
  • KMU sollten mit einem Strategy Canvas starten, Nicht-Kunden analysieren und Moves zunächst im Pilotmaßstab testen

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Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen rotem und blauem Ozean?
Im roten Ozean kämpfen viele Anbieter um begrenzte Nachfrage – Preiskampf und sinkende Margen sind die Folge. Der blaue Ozean bezeichnet neue Markträume, in denen ein Unternehmen neue Nachfrage schafft und (zunächst) ohne direkte Konkurrenz agiert.
Was ist das ERRC-Grid?
Das ERRC-Grid ist das Kerninstrument der Blue Ocean Strategy. Es steht für Eliminate (Eliminieren), Reduce (Reduzieren), Raise (Erhöhen) und Create (Hinzufügen). Durch die Kombination aller vier Aktionen entsteht Wertinnovation – gleichzeitig sinkende Kosten und steigender Kundennutzen.
Funktioniert Blue Ocean Strategy auch für kleine Unternehmen?
Ja. Das Strategy Canvas und das ERRC-Grid erfordern kein großes Budget, sondern strategisches Denken und die Bereitschaft, Branchenregeln zu hinterfragen. Viele erfolgreiche Blue-Ocean-Moves kommen gerade aus dem Mittelstand und von Start-ups ohne massive Ressourcen.
Wie lange dauert die Entwicklung eines Blue-Ocean-Moves?
Eine erste Analyse mit Strategy Canvas und ERRC-Grid ist in ein bis zwei Workshop-Tagen möglich. Die Validierung und Pilotierung des Moves dauert je nach Branche und Komplexität drei bis zwölf Monate. Entscheidend ist, nicht zu lange in der Planungsphase zu verharren.

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