Digitalisierung & KI

AI Act Schulungspflicht: Was Ihr Unternehmen jetzt umsetzen muss

Kurz gesagt

Ja — Art. 4 AI Act spricht von Personen, die im Auftrag des Betreibers mit KI arbeiten, das schließt externe Dienstleister und Freelancer in Ihrem Auftrag ein. Grundsätzlich verpflichtet Art. 4 alle Unternehmen, die KI-Tools einsetzen, ihr Personal nachweislich und dokumentiert im angemessenen Umfang mit KI-Kompetenz auszustatten — ab dem ersten Mitarbeiter, der ChatGPT beruflich nutzt.

Was Art. 4 AI Act konkret vorschreibt

Artikel 4 des EU AI Act lautet in der deutschen Fassung sinngemäß: Anbieter und Betreiber von KI-Systemen ergreifen Maßnahmen, um nach besten Kräften sicherzustellen, dass ihr Personal und andere Personen, die in ihrem Auftrag mit dem Betrieb und der Nutzung von KI-Systemen befasst sind, über ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz verfügen. Klingt vage, hat aber klare praktische Konsequenzen.

Das Gesetz definiert KI-Kompetenz als die Fähigkeiten, Kenntnisse und das Verständnis, die es Anbietern, Betreibern und betroffenen Personen ermöglichen, KI-Systeme sachkundig einzusetzen und sich der Chancen und Risiken von KI bewusst zu sein. Es gibt keine festgelegte Mindestschulung, keine Stundenzahl, kein vorgeschriebenes Zertifikat. Aber die Maßnahmen müssen nachweisbar sein — und angemessen im Verhältnis zum konkreten Einsatz.

Was das bedeutet: Ein Sachbearbeiter, der gelegentlich ChatGPT für Textentwürfe nutzt, braucht eine andere Schulungstiefe als ein Projektleiter, der KI-Systeme für die Kundenkommunikation verantwortet. Die Anforderung skaliert mit Risiko und Intensität des KI-Einsatzes. Art. 4 gilt für alle Betreiber — und damit für jedes Unternehmen, das KI-Tools im Einsatz hat.

Was in der KI-Schulung abgedeckt sein muss

  • Grundprinzipien: Wie KI-Systeme funktionieren, was Machine Learning bedeutet und wo die Grenzen liegen
  • Risikobewusstsein: Halluzinationen, Fehler und Bias in KI-Ausgaben erkennen und einschätzen können
  • Datenschutz und DSGVO: Welche Daten in KI-Systeme eingegeben werden dürfen und welche nicht
  • Transparenzpflichten: Wann und wie KI-Nutzung offengelegt werden muss — gegenüber Kunden und intern
  • Richtige Nutzung: Prompt-Qualität, Verifikation von KI-Ausgaben, kein blindes Vertrauen
  • Unternehmensspezifische Regeln: interne KI-Richtlinie, erlaubte Tools, Meldepflichten bei Problemen
  • Haftung und Verantwortung: Wer haftet, wenn KI-Ausgaben falsch sind, und wie damit umzugehen ist

Dokumentation: Was aufgezeichnet werden muss

Ohne Dokumentation gibt es keinen Nachweis, ohne Nachweis keine Compliance. Das ist die Logik hinter der Dokumentationspflicht des Art. 4. Die Anforderungen sind gesetzlich nicht bis ins Detail definiert, aber bei einer Kontrolle durch die Aufsichtsbehörde muss das Unternehmen zeigen können, dass es aktiv für KI-Kompetenz gesorgt hat.

Minimalanforderungen an die Dokumentation: wer wurde geschult (Name, Funktion), wann und wie lange, was war der Inhalt, wer hat geschult, und wie wurde Verständnis sichergestellt — etwa durch eine kurze Wissensabfrage oder eine Teilnahmebestätigung. Diese Informationen sollten zentral und abrufbar gehalten werden, zum Beispiel in der Personalakte oder einem HR-System.

Die Dokumentation ist kein einmaliges Projekt: Neue Mitarbeiter müssen geschult werden, bei neuen KI-Tools braucht es eine Auffrischung, und wenn sich die Risikolage ändert — etwa weil ein Chatbot künftig mehr Kundenkontakt hat — muss die Schulungstiefe angepasst werden.

Schulungsprogramm aufbauen — so geht es

1. KI-Nutzer im Unternehmen identifizieren: alle Mitarbeiter und Funktionen erfassen, die KI-Tools beruflich einsetzen — von der Assistentin, die ChatGPT für E-Mails nutzt, bis zum Vertriebsmitarbeiter, der KI-Reports generiert. Auch Heimarbeiter und Freelancer in Ihrem Auftrag gehören dazu. 2. Schulungstiefe nach Rolle differenzieren: Grundnutzer mit gelegentlicher Nutzung und niedrigem Risiko brauchen weniger Tiefe als verantwortliche Nutzer mit regelmäßiger Nutzung, Entscheidungsrelevanz und Kundenkontakt. 3. Schulungsformat wählen: Online-Kurs, Präsenzschulung, internes Webinar oder strukturierte Selbstlerneinheit — das Format ist freigestellt, wichtig ist der nachweisbare Wissenstest am Ende. 4. Schulung durchführen und dokumentieren: Datum, Dauer, Inhalt, Teilnehmer, Trainer festhalten — Teilnehmerliste mit Unterschrift oder digitale Bestätigung im HR-System, Unterlagen mindestens so lange aufbewahren wie die Beschäftigung läuft. 5. Auffrischungen einplanen: jährliche Auffrischungsschulungen und anlassbezogene Updates bei neuen Tools — das hält die KI-Kompetenz aktuell und belegt gegenüber Behörden, dass das Thema ernst genommen wird.

Mündliche Einweisung reicht nicht

Wer glaubt, ein kurzes Gespräch beim Kaffee reiche als KI-Schulung, liegt falsch. Art. 4 verlangt nachweisliche Maßnahmen — und nachweislich bedeutet dokumentiert. Eine mündliche Einweisung ohne Protokoll, ohne Datum, ohne Inhalt ist bei einer Kontrolle wertlos. Praxisbeispiel: Ein Unternehmen wird nach einem KI-Fehler geprüft — ein KI-generierter Brief mit falschen Zahlen ging an Kunden. Liegt dann keine Schulungsdokumentation vor, ist das ein eigenständiger Complianceverstoß zusätzlich zum eigentlichen Problem.

Interne KI-Richtlinie als Schulungsgrundlage nutzen

Eine schriftliche KI-Nutzungsrichtlinie — welche Tools sind erlaubt, was darf eingegeben werden, wie werden KI-Outputs geprüft — ist der schnellste Weg zu einer dokumentierten Schulungsgrundlage. Mitarbeiter lesen, bestätigen und unterschreiben. Das ist keine vollständige Schulung, aber ein valider erster Schritt, der gleichzeitig Richtlinie und Schulungsbeleg ist.

Häufige Fragen

Gilt die Schulungspflicht auch für Freelancer in unserem Auftrag?
Ja: Art. 4 spricht von Personen, die im Auftrag des Betreibers mit KI arbeiten; externe Dienstleister und Freelancer, die in Ihrem Auftrag KI-Tools einsetzen, fallen darunter und sollten vertraglich geregelt und dokumentiert werden.
Muss ich ein bestimmtes Zertifikat vorlegen können?
Nein, der AI Act schreibt keine spezifische Zertifizierung vor; entscheidend ist, dass angemessene Maßnahmen nachweisbar ergriffen wurden.
Wie oft muss die Schulung wiederholt werden?
Das Gesetz gibt keine feste Frequenz vor; empfehlenswert sind jährliche Auffrischungen sowie anlassbezogene Updates bei neuen Tools oder geänderten Einsatzbereichen.
Was passiert, wenn wir die Schulungspflicht ignorieren?
Verstöße können Bußgelder nach sich ziehen; fehlt bei einem KI-bedingten Schaden zudem eine Schulungsdokumentation, kann das als erhöhte Fahrlässigkeit gewertet werden.